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  • Sternenhimmel im Westhavelland, Foto: TMB-Fotoarchiv/Thomas Rathay Sternenhimmel im Westhavelland, Foto: TMB-Fotoarchiv/Thomas Rathay

    Im Naturpark Westhavelland leuchten die Sterne besonders hell. Hier können auch mobilitätseingeschränkte Hobbyastronomen den Sternen und Planeten ganz nah sein. Ein besonders Angebot macht es möglich! 

    Im Naturpark Westhavelland leuchten die Sterne besonders hell. Hier können auch mobilitätseingeschränkte Hobbyastronomen den Sternen und Planeten ganz nah sein. Ein besonders Angebot macht es möglich! 
    Ort: Stechow-Ferchesar

1. Tag
Nachmittags

Eine Reise zum Sterne und Planeten beobachten in den Sternenpark Westhavelland stand an. Spannend! Der Naturpark Westhavelland ist seit 2014 anerkannter Sternenpark. Er ist eine der dunkelsten Regionen in Deutschland und für Sternenfreunde und Hobbyastronomen ein Dorado. Als Hobby-Astronom im Rollstuhl ist für mich spannend, ob ich die Angebote ebenfalls problemlos nutzen kann. Gleich vorne weg: Ja, ich konnte und es wurde eine erlebnisreiche, interessante Reise zu Sternen und Natur. Doch der Reihe nach.

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Nach fast 700 Kilometern aus Österreich kommen wir am Nachmittag in Ferchesar an. Wir hatten bei der Ferienhausvermittlung Zemlin eine barrierefreie Unterkunft in Lochow gebucht, einige Kilometer von Ferchesar entfernt. Für Hobbyastronomen stellt Familie Zemlin verschiedene Teleskope zur Himmelsbeobachtung zur Verfügung. Diese können nach Einweisung oder unter Anleitung verwendet werden.

Das Ferienhaus liegt an einem sehr dunklen Platz und ist daher für die Erkundung des Himmels hervorragend geeignet. Die barrierefreie Ausstattung lässt für mich als Rollstuhlfahrer keine Wünsche offen. Von Außen über Rampen erreichbar ist es im Inneren stufenlos. Die Bewegungsflächen sind großzügig, sodass man sich mit dem Rolli hindernisfrei bewegen kann. Dusche und WC weisen alle empfohlenen Haltegriffe auf. In der Dusche befindet sich ein Duschsessel.

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Foto: TMB-Fotoarchiv/Manfred Fischer
Abends

Am ersten Abend wartete ich mit meiner Familie gespannt auf das Dunkel. Ein Fernglas hatten wird dabei, um erste Eindrücke vom Sternenhimmel über Lochow zu gewinnen. Unser Dunkelheitsmesser – ein SkyMeter – wies Werte über 20.0 (mags/arcsec²) auf. Für nicht Eingeweihte: Die Milchstraße war als „nebeliges“ Band, das sich von Westen nach Osten über den Himmel zog, problemlos auszumachen. Sternbilder und Sterne funkelten in großer Zahl über uns. Dieser erste Blick gen Himmel begeisterte mich und ich fieberte dem nächsten Abend entgegen.

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So kann es schon mal im Sternenpark Westhavelland aussehen.
2. Tag
Vormittags

Aber vor der Nacht kommt der Tag. Wir lassen die Hektik des Alltags hinter uns und genießen den Morgen. In einer kleinen Bäckerei in Stechow, etwas entfernt, holen wir die Frühstücksbrötchen. Die Jungs erkunden die Umgebung und die etwa 300 Meter entfernte Naturbadestelle am Lochower See. Danach geht es zum Aussichtspunkt in das nahe gelegene Premnitz.

Die Stadt an der Havel war 2015 eine von fünf Städten, in denen die Bundesgartenschau ausgerichtet wurde. Die neue Promenade an der Havel ist heute der Boulevard der Stadt. Vom Aussichtsturm, der mit einem Lift ausgestattet ist, geht der der Blick über die Havel, die sich durch die grüne Landschaft, in Richtung Elbe schlängelt.

Mit dem Auto durchstreifen wir die Havellandschaft, um uns mit der Umgebung vertaut zu machen. Ziele wurden spontan festgelegt. Unsere Jungs durchkämmen auf ihren Smartphones dabei die Landkarte. Warum? Weil der Besuch von Orten mit „besonderen“ Namen unsere Leidenschaft ist. So gelang es uns mit kleinen Umwegen die Orte „Knoblauch“, „Wassersuppe“ und „Kotzen“ zu besuchen. Eine wahrlich große Ausbeute auf kleinem Raum.

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Vom barrierefreien Aussichtsturm gibt es einen tollen Blick über die Havel. Foto: TMB-Fotoarchiv/Manfred Fischer
Nachmittags

Am Nachmittag kundschaften wir unseren Beobachtungsplatz für die abendliche Sternenshow aus. Der Naturpark Westhavelland hat dazu eine schöne Broschüre herausgegeben, in der die besten Plätze vorgestellt werden. Wir entschieden uns für jenen am Feldweg zwischen Hohennauen und Spaatz. Der Fahrweg und der Beobachtungsplatz sind mit Betonplatten ausgelegt, sodass ich mich mit dem Rollstuhl leicht bewegen kann – auch in der Nacht.

Der Platz bietet horizontnahe Sicht in alle vier Himmelsrichtungen. Unser Vermieter bietet auch ein „Erlebnispaket Natur und Sterne“ an. Darin enthalten sind ein Großfernglas mit Stativ, Sternkarten für die Nacht und Bestimmungskarten Tiere und Pflanzen für den Tag. Das nahmen wir mit, um auch Pflanzen und Tiere zu erkennen. Den Beobachtungsplatz konnten wir auch in der Nacht problemlos ansteuern. Das gibt bei der Bewertung einen großen Pluspunkt. Beim Platz befindet sich der „Großer Graben“ genannte Wasserlauf, den zwei Schwäne und andere Vögel zu ihrem Revier auserkoren hatten. Aber natürlich war unser Fokus auf den Abend gerichtet. Welche Teleskope hatte Detlef Zemlin zur Beobachtung anzubieten?

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Den Sternen ganz nah - Beobachtungsplatz im Sternenpark Westhavelland. Foto: TMB-Fotoarchiv/Manfred Fischer
Abends

Sterne zu beobachten heißt immer sich Zeit nehmen, entschleunigen und Ruhe einkehren lassen. Alleine die Dunkelanpassung des Auges für optimale Sicht dauert etwa 30 Minuten. In dieser Zeit sieht man immer mehr Sterne, bis die Anpassung abgeschlossen ist. Aber als wir beim Beobachtungsplatz in der Ferienhaussiedlung eintreffen, ist es noch hell. Es gilt die Ausrüstung kennen zu lernen und die ist umfangreich. Die professionelle Ausrüstung lässt nichts zu wünschen übrig. Von Astrogroßferngläsern bis zu einem Dobson-Teleskop mit 300 Millimeter Durchmesser, verschiedenen Okularen und Filtern ist alles vorhanden.

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Detlef Zemlin erklärt seine Teleskope. Foto: TMB-Fotoarchiv/Manfred Fischer

Mit dem Rollstuhl kann ich das XLT-Teleskop von Celestron mit 150 Millimeter Durchmesser bequem nutzen. Das Okular (Linse zum Auge) ist so tief, dass ich vom Rollstuhl aus hineinsehen konnte. Die handelsüblichen Teleskope sind meist für den Einblick von stehenden Personen ausgelegt und man bleibt dann als Sitzender außen vor. Bei der Teleskopsteuerung, die über einen eingebauten Computer erfolgt, hilft mir am ersten Abend noch Herr Zemlin.

An diesem liegt ein Schleier über dem Himmel, sodass die Sicht nicht sehr gut war. Das sollte sich aber bis zum nächsten Abend wesentlich ändern. Am Beobachtungsplatz lernen wir zwei Astronomen der Sternwarte in Berlin-Spandau kennen, die ihre eigenen Teleskope aufgestellt hatten. Ihr Wissen und ihre Ausrüstung sollte uns nächsten Tag helfen.

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3. Tag
Vormittags

Der nächste Tag beginnt mit einer Überraschung. Unser neuen Freunde von der Bruno-H.-Bürgel-Volkssternwarte in Spandau sind bereits am Beobachten der Sonne. Dazu verwenden sie u.a. ein H-alpha-Teleskop. In diesem erscheint die Sonne in sattem Rot und es zeigt neben den Sonnenflecken auch Sonnenfackeln, Strahlungsausbrüche (Flares) und die größeren Protuberanzen am Sonnenrand.

Sie hatten das H-alpha-Teleskop so aufgestellt, dass ich problemlos Einblick hatte und schöne Protuberanzen am Sonnenrand beobachten konnte, erstmals „live“ und nicht nur auf einem Video im Internet. Protuberanzen sehen aus wie Fackeln, die vom Sonnenrand in den Weltraum hinaus brennen. Die Sonne schleudert mit ihnen Materie in den Raum. Es war ein Erlebnis, durch dieses relativ kleine und unscheinbare Gerät zu blicken. Gleichzeitig weckten diese besonderen Einblicke den Wunsch, die eigene Astroausrüstung aufzustocken. 

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Manfred Fischer bei der Beobachtung der Sonne. Foto: TMB-Fotoarchiv/Manfred Fischer
Nachmittags

Nach der Beobachtung der Sonne gehört der Nachmittag der Stadt Brandenburg. Behindertenparkplätze sind im Stadtgebiet zahlreich vorhanden. In den drei mittelalterlichen Stadtkernen stehen beeindruckende Backsteinbauten. Der Brandenburger Dom, mehrere große Backsteinkirchen, das Altstädtische Rathaus mit dem Roland und das Paulikloster. Der Roland ist das Standbild eines Ritters mit bloßem Schwert und gilt als Sinnbild der Stadtrechte. Die Ursprünge des Rathauses liegen in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Zuerst gab es nur Rats- und Schreibstuben. Erst später wird das Hauptgebäude mit dem Turm gebaut. 

 

 

 

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Altstädtisches Rathaus in Brandenburg/Havel Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Die Gehsteige sind in den historischen Stadteilen mit Granitwürfeln gepflastert, haben aber meist mittig glatte Flächen zum leichten Befahren mit dem Rollstuhl. Ein weitererwichtiger Backsteinbau ist der Dom zu Brandenburg. Er ist den Aposteln Petrus und Paulus geweiht und das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt. Der Dom gilt auch als Ausgangspunkt der Geschichte der Stadt Brandenburg an der Havel. Die Grundsteinlegung erfolgte 1165 durch den Mönchsorden der Prämonstratenser.

Die Havel durchfließt die Stadt. Beim Stadtspaziergang stößt man immer wieder auf den Fluß und Wasserflächen mit vielen Booten. Dies ist sehr reizvoll und gibt der Stadt einen eigenen Charakter. Kennen sie „Waldmöpse“? Wir kannten sie auch nicht. Aber: Der Humorist und Karikaturist Loriot, Vicco von Bülow, stammte aus Brandenburg. Er erfand immer wieder außergewöhnliche Tiere, wie den Waldmops. Das ist ein Mops mit elchartigen Hörnern. Seit 2015 schmücken im Andenken an Loriot 20 etwa 50 cm große Bronzefiguren die Stadt. Sie sitzen, schlafen, heben das Bein. An den unmöglichsten Stellen trifft man auf sie. Wir sahen fast alle, ohne nach ihnen zu suchen.

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Die Waldmöpse erinnern an den Humoristen Loriot, der in Brandenburg/Havel auf die Welt kam. Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann
Abends

Zurück aus Brandenburg stand der Abend vor der Tür. Der Himmel war klar und vielversprechend. Herr Zemlin hatte verschiedene Teleskope bereitgestellt. Für die Bewohner der Ferienwohnungen war eine Sternenführung angesagt. Herr Zemlin erklärte die Sternbilder. Alle erkannten die „Großen Wagen“, aber dann war mit den Himmelskenntnissen auch schon Schluss. Das menschliche Auge braucht etwa 30 Minuten bis es sich an die Dunkelheit angepasst hat. In dieser Zeit erkennt der Beobachter immer mehr Sterne. So war es auch an diesem Abend. Immer mehr Sterne tauchten vor unseren Augen auf. Mit der Anzahl der Sterne steigerte sich auch die Anzahl der Fragen: Wo ist der Polarstern? Welcher Stern ist das? Sieht man das Sternbild Jungfrau? Herr Zemlin und unsere Astro-Kollegen beanworteten die Fragen der Reihe nach. Auch ich konnte mein Wissen unter die Leute bringen.

Langsam tauchte das „Nebelband“ der Milchstraße am Himmel auf. Es spannte sich von Westen nach Osten und wurde immer deutlicher zu erkennen. Die Sternbilder Schwan, Adler und Leier sind zu erkennen. Blickt man mit einem Fernglas in die Milchstraße fasziniert die scheinbar unendliche Anzahl glitzernder Lichtpunkte. Jeder für sich eine Sonne, wie die unsere. Man konnte auch die interaktive Sternbrille „Univers2go“ ausprobieren. Sie verbindet über ein Smartphone den realen Sternenhimmel mit der digitalen Welt. Am Disyplay werden jene Himmelsobjekt angezeigt in deren Richtung man blickt. Dazu erscheinen Informationen zum Stern, wie sein Name, dessen Entfernung, seine Größe, das Sternbild zu dem er gehört und vieles mehr. Man braucht nicht ständig in Büchern oder Sternen-Atlanten nachblättern, sondern hat die Infos im Blickfeld – faszinierend!

 

 

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Bestens ausgestattet für die Himmelsbeobachtung. Foto: TMB-Fotoarchiv/Manfred Fischer

Mit dem 150mm Teleskop konzentrierte ich mich auf den an diesem Abend knapp über dem Horizont zu sehenden Planeten Saturn. Seine Ringe durch ein Teleskop zu sehen ist immer ein besonderes Erlebnis. Es verursacht ein Kribbeln im Bauch – zumindest bei mir – wenn ich mir vorstelle, das sich der Planet in einer Entfernung von 1,2 Milliarden Kilometern befindet und ich ihn mit dem Teleskop zu mir heranholen kann. Sein Licht braucht zur Erde etwa 46 Minuten. Danach ging es in den „Deep Sky“-Bereich, d.h. zu Objekten die weit außerhalb unseres Sonnensystems liegen. Von ihnen ist das Licht Jahre, ja Jahr-Millionen unterwegs. Etwa vom Kugelsternhaufen M13 im Herkules. Er gehört zu unserer Galaxie der Milchstraße und ist dennoch 25.000 Lichtjahre weg. Viele Sterne ballen sich dort auf kosmisch engem Raum zu sammen. Als nächstes suchte ich den Ringnebel M57 in der Leier auf. Durch mein Tele sieht er wie Rauchring aus – nicht so bunt wie in Astronomie-Büchern, aber dennoch schön.

Und zum Abschluss war ein „Besuch“ bei der Andromeda-Galaxie (M31) angesagt. Sie ist eine Galaxie, wie unsere Milchstraße, und befindet sich in etwa 2,2, Millionen Lichtjahren Entfernung. Schaurig ist der Gedanke, dass diese auf uns zu rast und mit der Milchstraße in einigen Milliarden Jahren kollidieren wird. Wie gerne würde ich das erleben. Jedermann/frau konnte an diesem Abend die Herrlichkeiten des Himmels entdecken Konnte erahnen, was eigentlich Nacht für Nacht über unseren Köpfen zu sehen wäre. Aber unnötige Lichtverschmutzung durch falsch ausgerichtet Beleuchtung verhindert dies leider. In einem Sternenpark wie dem des Westhavellandes ist es aber möglich.

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Hier kommen Sternengucker voll auf ihre Kosten - das kleine Dorf Gülpe im Sternenpark Westhavelland. Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Tipps rund um den Sternenpark Westhavelland


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