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  • Blick auf das Kloster Neuzelle, Foto: TMB-Fotoarchiv/Sebastian Höhn Blick auf das Kloster Neuzelle, Foto: TMB-Fotoarchiv/Sebastian Höhn

    Kulturreise nach Neuzelle und Eisenhüttenstadt

    Haben Sie Lust auf einen Kultururlaub mit extremen Gegensätzen? Wir haben einen kulturbegeisterten Brandenburgfan auf eine Entdeckungstour zwischen Barock & Stahlwerk geschickt.

    Haben Sie Lust auf einen Kultururlaub mit extremen Gegensätzen? Wir haben einen kulturbegeisterten Brandenburgfan auf eine Entdeckungstour zwischen Barock & Stahlwerk geschickt.
    Ort: Neuzelle

1. Tag
Nachmittags

Ein Fahrrad, ein Zugticket und eine gute Portion Lust auf Kultur und Geschichte – mehr braucht es eigentlich nicht für meine Zwei-Tages-Tour von Neuzelle nach Eisenhüttenstadt. Ich begebe mich auf eine Zeitreise, die in einer pompös-barocken Klosterkirche beginnt und in der ersten sozialistischen Plansiedlung der DDR endet.

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Barocke Klosterkirche in Neuzelle von innen Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Los geht es am Nachmittag vor dem mächtigen Tor der Klosterkirche in Neuzelle. Gut 90 Minuten hat die Zugfahrt von Berlin bis hierher gedauert. Die Geschäftigkeit der Großstadt habe ich schlagartig vergessen beim Eintritt in den „Vatikan Brandenburgs“, wie manche die Klosterkirche St. Marien nennen. Nicht ohne Grund: Die ausladende Pracht der katholischen Stiftskirche, 1741 barockisiert, ist tatsächlich einzigartig, hier im protestantisch geprägten früheren Preußen. Ich bin überrascht – solch überbordenden Prunk hätte ich im Petersdom in Rom erwartet, aber nicht hier.

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Museum Himmlisches Theater Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Ich besuche das Museum „Himmlisches Theater“ in einem Nebengebäude, das seit kurzem die Neuzeller Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab zeigt. Nur von Leuchtstreifen an Boden und Decke geleitet, geht es durch einen schwarzen, futuristisch wirkenden Gang. Am Ende erleuchten zwei Szenen des Kulissentheaters den dunklen Raum. Einige seiner Darstellungen gelten hinsichtlich seiner Größe und künstlerischen Qualität europaweit als einmalig. Sie sind seit mehr als 150 Jahren zum ersten Mal überhaupt wieder zu sehen. Das rechtfertigt den erstaunlich großen Aufwand, mit dem die Ausstellung inszeniert wurde, wie ich finde.

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Pause im Kulturcafé

Wieder ans Tageslicht gewöhnt, entspanne ich mich im barocken Klostergarten, an dessen Eingang sich ein weiter Blick in die östlich gelegene Oder-Niederung auftut. Nach einem Rundgang um den von Fröschen bevölkerten Spiegelteich bietet sich eine Pause im Kulturcafé Barocco an, das sich in der früheren Orangerie befindet.

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Abends

Am frühen Abend verlasse ich die Anlage wieder, spaziere um den Klosterteich, dessen Wasserfläche von unzähligen Seerosen bedeckt ist. Ein Schleichweg führt mich an der Dorche entlang, einem kleinen Fließ, das sich zwischen idyllisch gestalteten privaten Gärten plätschernd seinen Weg sucht.

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Strohhaus Neuzelle Foto: TMB-Fotoarchiv/Sebastian Höhn

In der Straße Slawengrund stoße ich auf das Strohhaus. Das reetgedeckte Häuschen gilt als eines der ältesten im ganzen Ort. 1780, so erzählt es mir der Aufseher, sei als erster Bewohner ein Tuchmacher eingezogen, der vor allem die Stoffe für die Kleidung der Mönche im Kloster hergestellt habe. Nach der Wende nur knapp dem Abriss entronnen, beherbergt das Strohhaus heute ein Museum, das Jahrhunderte alte Möbel, Werkzeuge und Alltagsgegenstände aus dem Dorf zeigt.

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Blick auf das Kloster Neuzelle Foto: TMB-Fotoarchiv/Sebastian Höhn

Zurück in der Ortsmitte, checke ich im Klosterhotel ein. Das Barocke hat sich auch hier akzenthaft in der ansonsten modernen und hochwertigen Inneneinrichtung niedergeschlagen. Im dazugehörigen Restaurant Le Couvent (frz. Kloster) werden regionale aber auch ausgefallene Speisen serviert, die sich – so steht's in der Speisekarte – an der französischen Haute Cuisine orientieren. Mir allerdings genügt der durch und durch Brandenburgische Spargel, der mit Lachs verfeinert und filigran gebackenen Kartoffelnestern auf meinen Tisch kommt.

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Restaurant Le Couvent Foto: Klosterhotel Neuzelle

Nachdem ich einen Blick in die kleine, hauseigene Schnapsbrennerei geworfen habe, mache ich einen Spaziergang zu dem kleinen Aussichtshügel hinter dem Hotel. Den zu besteigen, erfordert keine große Müh' und belohnt mit einem schönen Blick auf das Kloster. Und weil dahinter die Oder-Niederung in verträumter Abenddämmerung Sehnsüchte nach dem großen Strom weckt, schwinge ich mich noch einmal auf das Rad und fahre die drei Kilometer durch die Felder zum Flussufer. Ruhig fließt die Oder dahin, das Wasser mit dem roten Abendhimmel verschmelzend. Nur die Gesänge der Vögel sind zu hören. Es ist eine traumhafte Stimmung.

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Verkaufsraum der Schnapsbrennerei des Klosterhotels Neuzelle Foto: Klosterhotel Neuzelle
2. Tag
Vormittags

Nach einer erholsamen Nacht im Klosterhotel fahre ich gleich nach dem Frühstück mit dem Fahrrad nach Eisenhüttenstadt. Ich bin gespannt auf die Planstadt, die vor ziemlich genau 65 Jahren im märkischen Kiefernwald entstanden ist.

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Radfahrer Oder-Neiße-Radweg Foto: TMB-Fotoarchiv/Sebastian Höhn

Ich nehme den Oder-Neiße-Radweg, der auf dem Deich entlang führt, mit bestem Ausblick auf die wunderschöne Flusslandschaft der Oder. Die Deichkrone ist hier besonders hoch – sie schützt die Neuzeller Niederung vor dem Oderhochwasser. Fast ganz allein bin ich unterwegs, nur selten kommen mir andere Radfahrer entgegen.

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Am Oder-Neiße-Radweg Foto: TMB-Fotoarchiv/Sebastian Höhn

An der Oder entlang in Richtung Stahlwerk

Eine kurze Pause gönne ich mir auf einer der Buhnen, die in dichten Abständen weit in den Fluss hineinragen. Hier kann ich die Ruhe der Natur ungestört genießen, keine Straße ist zu hören, keine Ortschaft zu sehen – weder auf der deutschen noch auf der polnischen Flussseite. Über den Ortsteil Fürstenberg (Oder), ein früheres Ackerbürgerstädtchen, erreiche ich nach knapp 10 Kilometern Eisenhüttenstadt. Ich fahre ins Zentrum. Die Lindenallee bildet dort die Magistrale zwischen den Wohnsiedlungen, die auf dem Reißbrett entworfen wurden und Anfang der 1950er Jahren für die Arbeiter des Stahlwerks entstanden.

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Arbeit für den Frieden in Eisenhüttenstadt Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Auf der Lindenallee stehend, blickt man noch heute direkt auf die rauchenden Hochöfen des Stahlwerks, das bei den Einwohnern noch immer EKO (Eisenhüttenkombinat Ost) heißt. Hier treffe ich am späten Vormittag den Stadtführer Eberhard Harz. Er nimmt mich mit auf eine zweistündige Tour durch seine Heimatstadt, deren fast fertig sanierter Kern heute das größte Flächendenkmal Deutschlands darstellt.

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Innenstadt der DDR-Planstadt Eisenhüttenstadt Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Schnell ist mir klar: Eberhard Harz kennt hier jeden Winkel. Der studierte Eletroingenieur war früher nämlich selbst zuständig für die Siedlung, wie er mir berichtet – zu DDR-Zeiten als VEB-Direktor, später als Geschäftsführer der Eisenhüttenstädter Gebäudewirtschaft GmbH. Vor einigen Jahren habe er sogar den US-Schauspieler Tom Hanks durch die Stadt geführt, der bereits zweimal hier war. Auch die Pet Shop Boys beehrten die Stadt kürzlich mit einem Besuch. Ihr Produzent Sven Helbig, gebürtiger Eisenhüttenstädter, hatte sie in seine Heimat eingeladen.

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DDR-Architektur in Eisenhüttenstadt Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Es geht durch den Wohnkomplex 1, vorbei an der heutigen Pestalozzi-Schule, die eher wie ein kleines Gutsschlösschen daherkommt, zu einem sowjetischen Ehrenmal, wo Walter Ulbricht 1953 den ersten Namen der neuen Ortschaft verkündete: Stalinstadt. Es ist ein Vergnügen, sich von Eberhard Harz führen zu lassen, der so viel Leidenschaft für seine Heimat aufbringt. Alle Gebäude hier sind, so lerne ich, im Stil des Sozialistischen Klassizismus erbaut, auch als „Zuckerbäckerstil“ bekannt. Sie tragen einen später in der DDR nicht mehr gekannten Reichtum an Ornamenten, aufwändigen Putzschneidearbeiten und Fassadenelementen aus edlem Meißner Porzellan. „In den 50ern hat man, bevor die Plattenbauweise kam, noch keine Kosten gescheut“, erklärt Harz.

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Eisenhüttenstadt Foto: TMB/Steffen Lehmann
Mittags

Zum Mittagessen fahre ich zurück nach Fürstenberg, wo ich im alten Ortskern das „Bollwerk 4“ ansteuere. Das Restaurant befindet sich im „Deutschen Haus“, einem schönen Jugendstil-Gebäude.

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Außenansicht des Restaurants Bollwerk 4 Foto: TMB-Fotoarchiv/Sebastian Höhn

Die Inhaber Steffen und Vicki Krüger haben sich ganz der gutbürgerlichen Küche verschrieben – allerdings auf sehr hohem Niveau. Als Gruß aus der Küche serviert mir die Chefin eine Aprikosenkaltschale. Die Restaurantkritiker des Gault Millau halten das „Bollwerk 4“ tatsächlich für eines der besten Restaurants Brandenburgs. Zu Recht, denke ich mir, nachdem ich die perfekt gebratenen Schweinemedaillons an hauseigenen Kroketten und geschälten Radieschen gegessen habe.

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Nachmittags

Gut gestärkt steige ich am Nachmittag wieder auf's Rad und fahre zum Abschluss in das „Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR“. Eine Dauerausstellung widmet sich dem Thema mit Filmen, Fotos, Original-Tonaufnahmen und unzähligen Gegenständen, die zum Inventar des untergegangenen Staates gehörten.

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Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt Foto: TMB/Bernd Geller

Vom Motorroller „Schwalbe“ über Kinderspielzeug von Piko bis hin zum Orden „Banner der Arbeit“. Mit allen Sinnen fühle ich mich in die Vergangenheit zurückversetzt. So muss es auch Tom Hanks gegangen sein, der bei seinem zweiten Besuch in „Iron Hut City“ auch in dem Museum war – und danach in einem Trabant P 601 davonfuhr. Der Schauspieler hatte ihn kurzerhand von einem Mann aus Frankfurt (Oder) gekauft. Ich dagegen begnüge mich für die Rückfahrt zum Bahnhof mit meinem Rad. Reich an kulturellen Eindrücken fahre ich nach Berlin zurück. Ich bin mehr als zufrieden, denn ich kann sagen, dass ich zwei richtige Brandenburger Perlen entdeckt habe – die beide auf ihre Weise glänzen und viel über die Geschichte des Landes zu erzählen haben.

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Das Rathaus von Eisenhüttenstadt Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

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Video: Mit dem Rad durch das Schlaubetal nach Neuzelle

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