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  • Hafen Groß Neuendorf, Foto: looping-magazin/Britta Smyrak Hafen Groß Neuendorf, Foto: looping-magazin/Britta Smyrak

    Entdeckungen im Oderbruch

    Lust auf einen ganz speziellen Ausflug im Berliner Umland? Eine Erlebnishungrige Berlinerin hat sich auf die Reise ins Oderbruch gemacht und gemerkt, dass hier ein ganz eigener Rhythmus herrscht...

    Lust auf einen ganz speziellen Ausflug im Berliner Umland? Eine Erlebnishungrige Berlinerin hat sich auf die Reise ins Oderbruch gemacht und gemerkt, dass hier ein ganz eigener Rhythmus herrscht...
    Ort: Letschin

1. Tag
Mittags

Piep, piep, zwitscher, zirp, piep, kuckuck, kuckuck, tschirp, zwitscher, ... und so weiter und so fort: Willkommen im Oderbruch! Die Sonne hat sich hinter dicken Wolken versteckt, Nieselregen setzt ein, den Piepmätzen ist das völlig schnurz.

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Oder bei Groß Neuendorf Foto: looping-magazin/Britta Smyrak

So viel Lebensfreude ist ansteckend. Gut gelaunt trinke ich den Morgenkaffee in meiner Superferienwohnung im Verladeturm am Hafen Groß Neuendorf mit gigantischem Ausblick auf die Oder. Alleine dafür hat sich die Reise schon gelohnt!

Nur eine Stunde von Berlin entfernt und schon in einer anderen Welt. Breit und träge fließt der Fluss direkt vor meiner Nase dahin. Auf der anderen Seite im Dunst liegt Polen. Was für eine grandiose Landschaft. Kein Haus, kein Strommast, kein Mensch, der die Aussicht stört! Ab und zu kommt ein Graureiher vorbei, landet am Ufer und starrt wie ich auf das Wasser.

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Verladeturm Hafen Groß Neuendorf Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann
Verladeturm Hafen Groß Neuendorf Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Am Morgen: Einfach nur schauen!

Das Wetter klart auf, es wird Zeit „meinen“ Turm zu verlassen und die nähere Umgebung zu erkunden. Neben dem Verladeturm, ebenfalls mit tollem Blick auf die Oder stehen fünf alte Bahnwaggons. Vier davon kann man mieten. Hübsch ausgestattet mit Bett, Tisch, Stühlen, einem kleinen Schrank und einer Küchenecke ist es die perfekte, Unterkunft für Radfahrer, die den Oder-Neiße-Radweg entlang fahren. Einziges Manko, sie haben kein fließendes Wasser.

Der Gemeinschaftswaschraum mit Waschbecken und Toiletten ist ein paar Meter von den Bahnwaggons entfernt. Der fünfte Waggon beherbergt das Theater im Bahnwaggon, laut Eigenwerbung das östlichste Deutschlands und mit 28 Sitzplätzen wahrscheinlich auch das Kleinste! Gespielt wird einmal pro Woche, meist am Wochenende. Das merke ich mir für das nächste Mal und schaue vorher ins Programm. Ich komme also wieder!

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Groß Neuendorf Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann
Nachmittags

Gegenüber des Verladeturms, verbunden durch eine Brücke steht der Zwillingsturm, das Hotel Maschinenhaus mit Café und Restaurant im Erdgeschoss. Das Ganze Gelände, von der Oder zur Hafenstraße und weiter ein Stück hinunter, vorbei an einem Kanu- und Fahrradverleih (beides nur am Wochenende bzw. nach Absprache geöffnet) und an einem Landwirtschaftsmuseum, bis zur Kreuzung gehört heute zum Kulturhafen Groß Neuendorf. Früher brachte an dieser Stelle die Oderbahn Güter an, die dann auf Schiffe geladen nach Polen oder in die Ostsee gebracht wurden.

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Hafen Groß Neuendorf Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Mein Blick fällt auf einen Wegweiser "Jüdischer Friedhof". Neugierig folge ich dem Pfeil und komme etwas außerhalb des Dorfes tatsächlich zu einem kleinen Friedhof. Am Eingang steht eine Infotafel. 1847 wurde in Letschin und Groß Neuendorf vom Kaufmann Sperling eine jüdische Gemeinde gegründet und 1865 sogar eine Synagoge gebaut, die später zu DDR-Zeiten in ein Wohnhaus umgewandelt wurde. 1882 umfasste die jüdische Gemeinde 14 Mitglieder. Auf dem Friedhof stehen ca. 30 Grabsteine, teilweise mit hebräischen Schriftzeichen. Ein schöner und friedlicher Ort!

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Abends
2. Tag
Mittags

Punkt 12 Uhr bin ich an der Kanustation "Zur Alten Oder" und werde vom Eigentümer Herrn Gesche erwartet. Er erklärt mir kurz die Tour, derweil sein Mitarbeiter ein Kanu klar macht. Ich wähle die Kanu-Fahrrad-Kombitour, das heißt, eine Strecke wird gepaddelt, dann Wechsel ich auf das Fahrrad.

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Oder bei Groß Neuendorf Foto: looping-magazin/Britta Smyrak

Zum Kanu-Fahrrad-Tausch verabreden wir uns an Brücke 5. Für alle Fälle bekomme ich eine sehr detaillierte Karte in der die Route und alle Brücken eingezeichnet sind. Hört sich doch gut an! Bevor ich das Kanu besteige verstaue ich alles, was nicht nass werden darf in einen wasserdichten Sack. Da die Alte Oder nicht so tief ist, entscheide ich mich gegen eine Schwimmweste (für Kinder ist die Weste allerdings Pflicht).

Hier das Paddel, da das Kanu einsteigen und entspannen! Ich gleite sanft rückwärts ins Wasser und versuche tapfer das Kanu in die Mitte der Alten Oder zu lenken. Herr Gesche, der in Groß Neuendorf Kanu verleiht, gibt mir noch den Tipp, dass es nicht darum geht, schnell zu paddeln, sondern ruhig und gleichmäßig: Sich treiben lassen ist das Stichwort!

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Nachmittags

Nach drei Paddelschlägen ist meine Hose nass und mir fällt siedend heiß ein, dass ich total vergessen habe nach der richtigen Paddeltechnik zu fragen. Bevor meine Schuhe auch nass werden, ziehe ich sie aus und verstaue sie im Rumpf. Ich paddle tapfer weiter und versuche dabei nicht ständig zu duschen. Nach kurzer Zeit ein Erfolg: Das rechte Hosenbein ist schon fast wieder trocken! Im Prinzip ist das alles nicht weiter schlimm. Es ist warm und beim nächsten Mal würde ich mir einfach Wechselwäsche mitnehmen. Die Natur um mich herum ist so schön, ich fange an mich treiben zu lassen!

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Kanutour im Oderbruch Foto: looping-magazin/Britta Smyrak

Brücke 3 kommt in Sicht und ich spüre meine Oberarme, vor allem die Schultern brennen. Heute rächt sich das stundenlange Sitzen vor dem Rechner! Vor mir taucht ein Schwan auf. Ich halte mich möglichst weit am Rand, der Schwan schwimmt vor mir her und äugt kritisch nach hinten. Zusammen gleiten wir ein gutes Stück die Alte Oder flussaufwärts. Was für eine schöne Begleitung. Der Wind frischt auf und ich muss ordentlich paddeln, um voranzukommen. Die Landschaft wechselt von lieblich zu bizarr. Am Amazonas ist es bestimmt auch nicht schöner.

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Schwan Foto: looping-magazin/Britta Smyrak

Dicke Wolken ziehen auf, in der Ferne höre ich ein Donnergrollen. Bei Gewitter möchte ich nicht wirklich auf dem Wasser sein. Im Schilf anhalten ist auch keine Option also: Eins, zwei, eins, zwei. ... ich erreiche Brücke 4. Noch ein halbes Stündchen bis zur Brücke 5, Regen setzt ein. Ich paddel noch stärker, erreiche die Brücke, ziehe das Kanu an Land und warte. Es dauert nicht lange und Herr Gesche sammelt mich ein. Die geplante Fahrradtour lasse ich schweren Herzens sausen, denn bei Gewitter weiterradeln macht keinen Spaß.

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Malerisches Kolonistendorf

Kolonistenhaus in Neulietzegöricke Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Kaum sitze ich wieder im Auto, ist das Gewitter weitergezogen. 15 Uhr, Zeit für Kaffee und Kuchen und einen Besuch im Kolonistencafé in Neulietzegöricke. Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, heute ist leider Dienstag! Trotzdem hat sich der Ausflug gelohnt, denn Neulietzegöricke, von den Einheimischen liebevoll "Lietze" genannt, ist das älteste Kolonistendorf in Brandenburg. 1753 nach der Trockenlegung des Oderbruchs durch Friedrich II. gegründet, stehen viele Gebäude unter Denkmalschutz und es ist ganz idyllisch.

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Mitten im Ort stehen außerdem ein Kirchturm von Schinkel, der Überrest einer Kirche, die den 2. Weltkrieg nicht überlebt hat, und die Statue vom preußischen König Friedrich II. Beides ein Zeugnis davon, wie wichtig diese Gegend als ehemalige Kornkammer und Gemüsegarten von Berlin für Preußen einst war. Heim geht es jetzt in mein Türmchen, das in schönster Spätnachmittagssonne auf mich wartet. Zeit für einen Kaffee auf dem Balkon und den malerischen Blick über die Oder.

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Dorfkirche in Neulietzegöricke Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann
Abends

Bevor die Sonne untergeht mache ich noch einen Spaziergang auf dem Oderdeich und werde wieder belohnt von der Natur! Mein Fazit nach zwei Tagen auf Außenposten an der Oder: Wer einfach nur Natur möchte, runterkommen, digital detoxen will, muss nach Groß Neuendorf fahren. 

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Hafen Groß Neuendorf Foto: looping-magazin/Britta Smyrak
3. Tag
Vormittags

Mein letzter Kaffee im Verladeturm. Dann heißt es Abschied nehmen. Auf dem Rückweg nach Berlin mache ich kurz halt zum Bäckercheck in Letschin. Sowohl von der Konditorei Baumgärtel als auch vom Bäcker Kummrow wandern je ein Stück Kuchen in meine Tasche. 

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Denkmal Friedrich II. Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

In Letschin stand früher übrigens die Apotheke, die den Eltern von Theodor Fontane gehörte. Auch der junge Fontane wollte er eigentlich Apotheker werden, bevor er als bedeutendster deutscher Dichter und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts durch die Mark Brandenburg zog und seine Erlebnisse zu Papier brachte. Nach zwei Tagen Oderbruch steht für mich fest: Ich komme bestimmt wieder und das nächste Mal nehme ich den Hund mit!

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