• Tetzelkasten in der Nikolaikirche, Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann Tetzelkasten in der Nikolaikirche, Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann
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„Wenn das Geld im Kasten klingt ...“ Wie Johann Tetzel den Reformator Martin Luther zornig machte

25. März 2017 von Lars Franke

Die Nikolaikirche Jüterbog erlebt in diesem Jahr Hochkonjunktur. 500 Jahre Reformation stehen an. In Brandenburg wird die Reformation seit jeher mit dem Fläming-Städtchen verbunden. Mit Kirchen und einstigen Klöstern, mit den Namen Martin Luther und Johann Tetzel. Kaum ein Tourist will sich vorwerfen lassen, die beeindruckende Backstein-Kirche St. Nikolai aus dem 14. Jahrhundert links liegen zu lassen. Und so den berühmt-berüchtigten „Tetzel-Kasten“ im Innern des spätgotischen Gotteshauses nicht gesehen zu haben.

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Foto: TMB-Fotoarchiv/Anja Bruckbauer

Eine Truhe aus Holz, mit Eisen beschlagen, von beträchtlichen Ausmaßen. Mit Geld gefüllt, lässt sie Herzen schneller schlagen. Namensgeber ist der Dominikaner Johann Tetzel. Der Mönch durchzog die Landen, um sogenannte Ablass-Briefe zu verkaufen. Für gutes Geld erwarben sich die Käufer die Gunst, problemlos in den Himmel zu gelangen. Egal welche Sünden sie begangen hatten! Dieser Tetzel ging so weit, sich auch für noch nicht begangene Verbrechen bezahlen zu lassen. Die Hälfte der Einnahmen ging nach Rom, um den Bau des Peter-Doms zu finanzieren. Den Rest teilten sich der Landesherr – also Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg - und der Ablasshändler. Tetzel war ein begnadeter Prediger. Auf die Truhe hatte er schreiben lassen: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“

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Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann
Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Schreibunkundigen drohte ein aufgemalter Teufel mit Höllenqualen. Unzählige Menschen, egal ob arm oder reich, kamen in die Jüterboger Nikolaus-Kapelle, um sich ein Plätzchen im Paradies zu sichern. Auch aus der sächsischen Residenzstadt Wittenberg. Das wiederum ließ den dortigen Theologie-Professor Martin Luther nicht kalt. Es soll der 31. Oktober gewesen sein, als er 95 Thesen an die Pforte der Schlosskirche schlug. Gegen den Ablass wetterte der Augustiner-Mönch und gegen andere Missstände in der katholischen Kirche. Aus diesen Flämmchen der Kritik entwickelte sich mit der Reformation der größte Erdrutsch in der Geschichte der Christenheit. Martin Luther selbst ist wohl niemals in der Stadt gewesen. Doch wegen der Nähe zu Wittenberg gehörte Jüterbog zu den ersten Städten im heutigen Brandenburg, von deren Kanzeln die Lehre Luthers verkündet wurden.

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Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann
Blick über Jüterbog Foto: TMB-Fotoarchiv/Anja Bruckbauer

Zurück zu Tetzel. Generationen von Schülern wuchsen mit einer überzeugenden Episode auf: So soll ein adliger Räuber namens Hans von Hake den Mönch überfallen und ihm die Geld-Truhe abgenommen haben. Die Klage des Ablaßhändlers wies der Misstäter zurück. Er habe ja schon im voraus für sein Verbrechen bezahlt. Fontane beruft sich in seinen „Wanderungen durch Mark Brandenburg“ auf den Vorfall. Diese Geschichte könnte frei erfunden sein. Vom Schriftsteller Willibald Alexis im Roman „Der Wärwolf“!

Eigentlich war Jüterbog die Domäne der Franziskaner. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert unterhielt der Orden ein Kloster. Mit dem Bettelmönche-Orden legte sich auch der Bauernführer Thomas Münzer an, der in der Stadt als Prediger wirkte. An die Klosterzeit erinnert heute das sogenannte Mönchenkloster. Als Ausstellungszentrum präsentiert das Mönchenkloster anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 die Sonderausstellung „Tetzel-Ablass-Fegefeuer". Auch ein Frauen-Orden hatte sich in Jüterbog niedergelassen. An das einstige Zisterzieserinnen-Kloster macht die Liebfrauenkirche aufmerksam.

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Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Auch ohne Kirchen und längst aufgelöste Klöster ist das Mittelalter allgegenwärtig. Ohne großartige Kulissen könnte Jüterbog seiner Vergangenheit wegen als Drehort für Mittelalter-Filme herhalten. Die Stadt lag so verkehrsgünstig, dass zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert mehrere Füstentage hier stattfanden. Das Gasthaus „Zu den sieben Churfürsten“ galt im 16. Jahrhundert als die Nobelherberge in ganz Deutschland. Dort befindet sich der „Braukrug“. Das Stadthaus des Abtes von Zinna stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die ältesten Teile des Rathauses könnten 730 Jahre alt sein. Drei Tore der Stadtmauer sind erhalten. Am bekanntesten ist das Zinnaer Tor. An der Mauer hängt eine Keule. Eine Tafel teilt mit: Wer seinen Kindern giebt das brodt und leidet nachmals selber Noth, den schlage man mit der Keule toth.

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Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Und wer sich immer noch nicht genug Reformations-Geschichte eingesogen hat, dem sei der Besuch von Kloster Zinna empfohlen. Nicht weit von Jüterbog entfernt, hat sich ein einstiges Zisterzienserkloster in die Gegenwart retten können. Zwar mussten die Mönche schon im 16. Jahrhundert ihre Abtei verlassen, doch sie hinterließen Spuren. Nicht nur optische. Das Kloster gilt nämlich als Geburtsstätte von „Zinnaer Klosterbruder“ - einem beliebt-berüchtigten Magenlikör.

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