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  • Die IBA-Terrassen am Großräschener See, Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann Die IBA-Terrassen am Großräschener See, Foto: TMB-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

    Barrierefrei unterwegs im Lausitzer Seenland

    Noch wird in der Lausitz auch Braunkohle gefördert. Hier entsteht aber auch Europas größte künstliche Seenlandschaft. Eine Bloggerin aus Berlin hat sich das angeschaut.

    Noch wird in der Lausitz auch Braunkohle gefördert. Hier entsteht aber auch Europas größte künstliche Seenlandschaft. Eine Bloggerin aus Berlin hat sich das angeschaut.
    Ort: Senftenberg

1. Tag
Vormittags

Die Lausitz, eine Region, gezeichnet durch den Braunkohleabbau. Triste Landschaft und Strukturprobleme. Dies sind die Vorurteile, wenn zwei Berliner an die Region denken. Wer allerdings nach Senftenberg, im Lausitzer Seenland reist, wird eines Besseren belehrt. Jedenfalls erlebten wir, die Berliner Jörg und Judyta einen positiven Sinneswandel auf unserer Reise.

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Am Samstagmorgen machen wir uns auf den Weg ins Lausitzer Seenland, hier entsteht die größte künstliche Seenlandschaft in Europa mit über 20 Seen. Ohne Umstieg bringt uns die Regionalbahn bequem vom Berliner Ostkreuz bis zum Bahnhof Senftenberg – den Startpunkt unseres Trips.

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Los geht es am Bahnhof Ostkreuz. Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski

Unser erstes Ausflugsziel ist der Senftenberger See. Der Weg zum Stadthafen ist nicht zu verfehlen. Auf großen blauen Blöcken wird in 50-Meter-Schritten die Entfernung zum Hafen heruntergezählt – das Smartphone muss also nicht zur Navigation herhalten und so verpasst man auch nicht den alten, schnuckeligen Stadtkern, durch den unser Weg führt. Durch die mittigen Steinplatten und den kleinen Pflastersteinen links und rechts ist die Fußgängerzone auch mit dem Rollstuhl keine allzu holprige Angelegenheit.

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Mittags

Vor der Bootsfahrt stärken wir uns im Restaurant „Cucina“, das direkt am Stadthafen liegt. Der Stadthafen ist übrigens für Rollstuhlfahrer angenehm gestaltet, es gibt parallel zu Stufen immer auch Rampen. Es gibt keine sandigen Wege, dafür aber direkt am Hafen öffentliche rollstuhlgerechte WCs.

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Erste Adresse am Stadthafen: das Restaurant "Cucina". Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski
Nachmittags

Unser Schiff ist der Solarkatamaran "Aqua Phönix" der Reederei M. Löwa. Der Ein- und Ausstieg auf den Katamaran macht keine Probleme, es geht über eine stabile Metallrampe stufenlos ins Schiff. Wir bekommen gleich den ersten Tisch, an dem man direkt mit dem Rollstuhl fahren kann. Durch die gläserne Kabine können wir unseren Blick über die Landschaft schweifen lassen, während wir beinahe lautlos über das Wasser gleiten. Passend dazu lässt sich nun endlich die Sonne blicken, während wir uns Geierswalde nähern.

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Auf dem Senftenberger See ... Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski

Ab in den Rollfliet

Nach der 90-minütigen Fahrt steht uns der Sinn nach ein wenig Sport an der frischen Luft. Direkt am Hafen wird uns ein sogenanntes Rollfiets zur Verfügung gestellt – ein Fahrrad mit vorne angedocktem Rollstuhl. Dieses kann man normalerweise direkt im Familienpark Senftenberger See beim Fahrradverleih Eckhard Hoika mieten. Dort können auch Handbikes ausgeliehen werden, welche bei unserem Besuch leider vergriffen waren.

Beim Rollfiets sitzt man als mobilitätseingeschränkte Person wie eine Gallionsfigur vorne und muss sich auf die Steuerkünste des strampelnden Hintermanns verlassen. Das ist zwar etwas ungewohnt, dafür kann man die Aussicht genießen, während man die Nase in den Wind hält. Von letzterem haben wir übrigens reichlich und dummerweise auch immer von vorne. Jörg merkt recht schnell, dass er mit dem Rollfiets wohl keine neue Bestzeit für die Strecke von Geierswalde zurück nach Senftenberg fahren wird. Eine Teilung des Rollifets ist übrigens recht unkompliziert möglich. So könnte man bei einem Café Halt machen, das Fahrrad anschließen und mit dem abgekoppelten Rollstuhlteil ins Café fahren. Zu beachten ist hierbei allerdings die Sperrigkeit des Rollstuhls. Auch hat dieser keine Greifreifen, man ist also wie im „Fahrradmodus“ auf eine zweite Person angewiesen und kann ihn nicht selbst fahren.

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Als Gallionsfigur auf dem Rollfiet ... Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski
Abends

Wir brauchen für die knapp sechs Kilometer zum Familienpark Senftenberger See eine gute Stunde. Der Familienpark Senftenberger See ist, wie der Name schon sagt, perfekt für einen Familienurlaub geeignet. Je nach Vorliebe kann zwischen verschiedenen Unterbringungsmöglichkeiten gewählt werden: Zelt, Wohnwagen oder doch lieber eine Villa? Die Villa ist ein kleines Ferienhäuschen mit Küche, Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmern. Was die Barrierefreiheit angeht, sollte man sich hier mit der Rezeption vor Ort besprechen oder im Vorhinein informieren.

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Barrierefrei geht auch im Familienpark Senftenberg. Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski

Die Mitarbeiterinnen vor Ort kennen die Vor- und Nachteile der jeweiligen Unterbringung sehr genau und können dementsprechend gut beraten. Grob kann man bei den barrierefreien Unterkünften in zwei Kategorien unterscheiden. Einmal die älteren Ferienhäuser, die eine Rampe am Eingang, breite Türen, eine niedrig gebaute, unterfahrbare Küche und ein großräumiges barrierefreies Badezimmer haben. Allerdings kann man nicht mit einem Rollstuhl an seine Bettseite ranfahren. Man muss sich entweder am Bettende rüber setzen oder wird getragen. Die zweite Möglichkeit sind Häuser neueren Baujahres, welche keine ausgewiesenen barrierefreien Unterkünfte sind. Sie haben keine extrabreiten Türen, keine niedrige und großräumige Küche. Für die ebenerdige Dusche kann sich bei der Rezeption Duschhocker und Haltegriffe mit Saugnoppen ausleihen. Wir entscheiden uns für die zweiten, moderner eingerichteten Ferienhäuser.

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Barrierefrei und viel Platz in der "Villa" im Familienpark Senftenberg. Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski

Wer dem Zelt oder Wohnwagen den Vorzug gibt, hat die Möglichkeit, einen zentralen Waschraum mit barrierefreier Dusche zu besuchen. Dass hier jemand mitgedacht hat, merkt auch an dem stufenlosen und sandfreien Zugang zum Wasser. Hinunter zum Strand geht es auf einem gepflasterten Weg, dessen Steigung leider nur mit Hilfe zu meistern ist. Über den Sandstrand fährt man dann weiter auf Holzplanken und ins Wasser auf einer Betonrampe. Ich widerstehe der Verlockung direkt ins Meer zu rollen, aber so etwas dürfte ruhig an den Stränden dieser Welt Einzug halten. Ein weiteres Highlight des Familienparks ist eine taktile Landkarte der Lausitzer Seenlandschaft, womit blinde Menschen eine Orientierung über das riesige Gebiet bekommen.

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Mit dem Rolli an den Strand - am Senftenberger See kein Problem. Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski
2. Tag
Vormittags

Der Familienpark umfasst Spielplätze, ein Kino, Einkaufsmöglichkeiten und das Restaurant „Seestern“. Ein guter Ort, um beispielsweise am Wochenende mit der ganzen Familie Essen gehen zu können, um etwas Abwechslung zur Campingverpflegung zu haben. Serviert wird Fisch nach Spreewälder Art, Suppen oder auch Waffeln mit heißen Kirschen und Vanilleeis. Hier haben die Gäste auch die Möglichkeit mit einem Frühstück den Tag einzuläuten. Genau diese Möglichkeit nutzen wir vor unserer geführten Tour mit Sören Hoika von iba-tours am nächsten Tag.

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Seebrücke am Großräschener See Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski

Sören Hoikas Herz schlägt für die Lausitz. Das spüren wir schnell. Er kennt jede Ecke und eine passende Geschichte dazu. Bei der Buchung einer Tour mit ihm kann man bereits seine Wünsche und die eigenen Ansprüche an Barrierefreiheit vorstellen. Hoika versucht diese dann im Vorhinein so gut es geht zu erfüllen. Bevor wir so richtig die Umgebung erkunden, machen wir einen Abstecher zum Hafencamp, einem weiteren, direkt am Senftenberger See gelegenen Areal mit Übernachtungsmöglichkeiten für Camper. Direkt am Camp hat die Firma expeditours ihre Anlegestellen. Sie verleiht verschiedenste Boote und hat sich auch auf Touristen mit Behinderung eingestellt. So gibt es vor Ort einen Kran, mit dessen Hilfe Rollstuhlfahrer auf ein Segelboot umgesetzt werden können.

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Mittags

Mit einem Kleinbus geht es an diesem Tag durch die Senftenberger Seenlandschaft. Durch Flutung der alten Kohlegruben sollen insgesamt 20 Seen entstehen, von denen 10 miteinander verbunden sein werden und dann zum Beispiel per Fahrgastschiff erkundet werden können. Durch die Internationale Bauausstellung in der Region Senftenberg in den Jahren 2000 bis 2010 sind viele Projekte und Visionen entstanden, wie die Landschaft gestaltet werden soll. „Post-Mining“ nennt man die wissenschaftliche Auseinandersetzung darüber, die auch auf internationaler Ebene stattfindet. In der Region Lausitz setzt man nun auf den Tourismus. Sören Hoika zeigt uns noch erkennbare Spuren und erzählt uns welche Vorhaben noch alle in der Planung sind. Wir besuchen eine fertige, aber noch trockene Schleuse, die in Zukunft einmal zwei Seen miteinander verbinden wird.

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Hier fließt bald Wasser durch ... Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski

Weiter geht es gut 15 Kilometer nach Großräschen zu den IBA-Terrassen. Das Gebiet am Großräschener See ist erst zum Teil geflutet, eine Halle für Schulkonzerte steht bereits und sogar ein kleiner Weinberg wurde bereits angelegt. Dieser 1 ha große Weinberg ist übrigens der einzige Weinberg Brandenburgs mit einer Hangneigung von etwa 30 Prozent. Besucher schlendern entlang des Weinbergs serpentinenartig zum Anleger hinunter. Dank der angenehmen Steigung mit flachen Teilstücken kann auch Judyta als Rollstuhlfahrerin entspannt runterfahren. Leider wurden taktile Leitstreifen bei der Neuanlegung der Terrassen nicht mitgeplant.

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Nachmittags

Wenn die Flutungen abgeschlossen sind, sollen hier Boote Touristen für die Touren in Empfang nehmen, bis dahin dient die Seebrücke als Aussichtssteg. Der langsame aber stetige Fortschritt bei der Flutung lockt die Menschen aus der Region öfters zu den IBA-Terrassen. Das mag auch an dem Restaurant und Café an den IBA-Terrassen liegen, dem wir vor unserer Abreise noch einen Besuch abstatten. Von hier aus hat man wirklich einen schönen Ausblick auf den Großräschener See.

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Die Seebrücke am Großräschener See ist schon einmal fertig. Foto: TMB-Fotoarchiv/Judyta Smykowski

Nach zwei ereignisreichen Tagen können wir feststellen: Die Lausitzer Seenlandschaft ist nicht nur für Geologie-Interessierte eine Reise wert. Jeder Urlaubstyp sollte hier das passende finden: Entspannung am Strand, Spaziergang entlang der Seen, Wassersport oder Ergründung der interessanten Geschichte und der spannenden aktuellen Entwicklung. Wir werden auf alle Fälle noch einmal wiederkommen und den Fortschritt überprüfen – diesmal dann aber mit Badehose.

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Tipps für das Lausitzer Seenland


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